Mr.Oliver from Germany Reviews

Dear Riyaz, we will never forget this outstanding and most thrilling adventure we had in Kashmir with you and your team. We were so lucky, that gave us such a professional support for our skiing and mountain expedition aktivities in March 2011. Thank you so much.
See our report in German below.

Kashmir
(März 2011)
Schilderung einer Reise (von Helli Schönwetter)

kashmir ski expedition to kolahoi peak
Oliver AND TEAM

Srinagar

…erster Eindruck: Müll und Militär. Dieser Montag ist diesig. Grau in grau. Nasskalt. Kahle Bäume. Kaputte Häuser. Die Straße vom Flughafen in die Stadt sind aneinandergereihte Schlaglöcher. An jeder Ecke starren Soldaten hinter Sandsackstellungen hervor. Weggeworfenes türmt sich neben der Straße, schnauzbärtige Männer hocken dazwischen, wärmen sich an ihren Kangris unter den groben, dunkelgrauen Kaftanen und dösen vor sich hin. In respektvollem Abstand liegt ein Rudel räudiger, magerer Hunde, die genauso vor sich hin dösen…
So habe ich mir das Shangri La nicht vorgestellt.

Nachmittags kommt die Sonne durch. Wir lassen uns mit einer Shikara über den Lake Dal- rudern, im Sonnenlicht schaut alles gleich ganz anders aus. Die Farben leuchten. Wir sehen Eisvögel. Das frische Grün auf den schwimmenden Gärten ist jetzt plötzlich viel grüner. Und wir erhaschen das ein oder andere Lächeln der Bootsbewohner.

Etwa ein Viertel von Srinagar liegt nicht auf dem Land sondern auf Hausbooten auf dem See, dem Dal-Lake. Das war nicht immer so. Den Anfang machten die Engländer, denen, anders als im übrigen Indien, untersagt war in Kashmir Land zu erwerben. Also ließen sie ihre Paläste einfach auf dem Wasser bauen. Der Boom kam aber in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts, als, nicht nur wegen Led Zeppelin und den Beatles, Srinagar neben Kathmandu zur Hauptstadt von love and peace wurde. In dieser Zeit schossen die Hausboote wie Pilze aus den Boden (nein besser: wie der Lotus aus dem Wasser). Meist als prunkvoll geschnitzte, luxuriös ausgestattete Hotels. Dann kamen aber Jahrzehnte mit Krieg, Bürgerkrieg, Schrecken und Hunger. Die Touristen blieben aus, auch die Hippies und die Alpinisten. Nur die Hausboote blieben und während das Srinagar auf dem Land die Kriegsjahre nicht schadlos überstanden hat, ist das schwimmende Srinagar noch in einem erstaunlich guten Zustand.
Jedes der Hausboote ist mit einer Veranda ausgestattet, von der man das Leben auf dem See und die ausgesprochen üppige Vogelwelt beobachten kann oder einfach nur auf das Wasser hinausschauen und die verschiedenen Stimmungen aufsaugen.
Im Bootsinneren kommt als erstes das Wohnzimmer (Salon, so haben es die alten Engländer wahrscheinlich genannt. Heute würden man es Lounge nennen), dicke Teppiche, Ohrensessel, reichlich Schnitzwerk, an der Decke ein großer Propeller um die schwülwarme Sommerluft umzuschaufeln. Jetzt Anfang März schätzen wir mehr den gemütlichen Holzofen in der Mitte des Raumes. Denn auch wenn es in der Sonne auf der Veranda schon wunderbar warm ist, sobald der Planet sich am Nachmittag hinter die weiße Punjal-Kette senkt wird’s zapfig auf dem See.
Der Raum nach dem Wohnzimmer ist der Speiseraum. In der Ecke der Kühlschrank, in dem immer genug Kingfisher liegen sollte. Die Engländer der East-Indien-Companie bevorzugten natürlich Gin-Tonic, aber die kannten halt die lokale Bierbraukunst noch nicht. In der Raummitte steht ein filigran geschnitzter, großer Tisch, an dem (von Touristen bevorzugt) köstliches Chickencurry aufgefahren wird. Die Küche ist übrigens nicht an Bord, die befindet sich entweder in einer kleinen Hütte auf einer Insel, an der das Boot anlegt, oder einem separaten Boot. Hinter dem Dinningroom sind, je nach Größe des Hausbootes, zwei, drei oder mehr Schlafzimmer. Nicht alle Hausboote haben direkten Landzugang. Bei manchen ist man darauf angewiesen sich mit einer Shikara übersetzen zu lassen.

Nach ein paar Tagen „Ankommen“ in der fremden Welt, nachdem wir ausgiebig durch Bazare geschlendert sind, nach langem Suchen das beste Sish-Kebab der Stadt gefunden zu haben und nachdem wir unzählige male beinahe überfahren worden sind (naja… bisschen übertrieben, aber der Verkehr ist wirklich chaotisch) zieht es uns ins Gebirge.
Zwar sahen wir schon von Srinagar aus die Punjal-Range als gellleuchtende Schneeberge, aber auf der Fahrt dorthin kamen wir ins Zweifeln. Unser vollbesetztes, mit Skiausrüstung für fünf Leuten auf dem Dach bepacktes Auto hat sich schon einige Serpentinen hochgequält, aber von der weißen Pracht noch keine Spur. Ein laues Lüftchen weht und frisches Grün spitzt auf den Feldern hervor. Endlich, nach einer weiteren Kurve, der erste Fetzen Schnee. Und dann geht’s ab. Von Serpentine zu Serpentine wächst die Schneehöhe. Jetzt schon ein halber Meter.Jetzt ist es bestimmt schon ein Meter oder mehr… kurze Zeit später ist es vorbei mit der Aussicht, das Auto bewegt sich in einem weißen Graben… vom Ort Gulmarg sieht man vom Auto aus gar nichts, die Häuser sind bis zur Dachrinne eingeschneit. Wir müssen erst aus dem Straßenkanal herausklettern um uns zu orientieren. Hier hat es mal richtig Schnee! Ich habe ja schon seit längerem vom schneearmen Bayern aus die Wettersituation in Gulmarg verfolgt. Während es in den Alpen mit Schneefällen eher bescheiden war, konnte ich für diese Kashmir-Region den ganzen Februar, jeden Tag „heavy snowfall“ lesen. Pünktlich als wir hier ankamen, kam auch das schöne Wetter (Das nenne ich timing!!!). Doch nicht nur durch die Schneemenge unterscheidet sich Gulmarg deutlich von jedem anderem Skiort in Europa. Ich habe zumindest weder in Garmisch noch am Arlberg oder sonst wo Affen von Baum zu Baum springen sehen. Affen im Schnee, genüsslich die Reste verspeisend, die die Hotelküche einfach vor die Tür stellt. Das wäre schon gute Abfallentsorgung, jedoch stehen Plastiktüten nicht auf King Louis Speiseplan.
Gulmarg ist ein Hotspot der Freeride-Szene. Unter Freaks bekannt in der ganzen Welt. Es gibt zwar nur eine Gondel, die aber bringt uns auf 3950m. Von dort aus, vom breiten Rücken des Apharwat, gibt es keine präparierte Piste die ins Tal führt. Nur Powder. Schaut man vom Apharwat nach Norden erhebt sich jenseits des Tales ein markanter Gipfel, der höchste im ganzen Kranz. 125 km weit weg (nah dran): der Nanga Parbat. (…schicksalsträchtig!!!) Wo kann man sonst noch auf diesem Planeten mit einem Achttausender-Panorama Skifahren?

Wir haben uns diese megabreiten Latten ausgeliehen. Für uns traditionelle Tourengänger am Anfang ein wenig ungewohnt (Ich meine sogar, mit den Pantoon-Brettern hat das weniger mit Skifahren zu tun, mehr mit Schneesurfen). Spaß macht’s aber doppelt.
Ist eine Rinne entweiht, von langen Turns die jungfräuliche, weiße Konturlosigkeit zerstört, tragen wir beim nächsten mal die Ski am Buckel eine viertel Stunde weiter zur Nachbarrinne und schon haben wir wieder unverspurten Pulvergenuss. Mit Konkurrenz brauchen wir nicht zu rechnen. Es sind Mitte März nicht mehr viele Touristen in Gulmarg und das Gebiet ist wirklich weitläufig.
Nach ein paar Tagen Freeriding besinnen wir uns wieder, weshalb wir eigentlich nach Kashmir gekommen sind, nämlich zum Skitourengehen. Wir tauschen die breiten, schweren Bretter wieder mit unseren mitgebrachten leichten Tourenski. Um am nächsten Tag früh dran zu sein, nehmen wir die letzte Gondel zum Apharwat und stellen neben der Bergstation auf 3950m die Zelte auf. Die Nacht war nicht sehr erholsam. Zu eng und stickig war es im Zelt (gefühlte 250 Schlafsequenzen), und so ist es eine Erlösung, als das erste Licht durch die Zeltwand schimmert. Als sich die Sonne über die Himalayakette schiebt, sind wir schon alle angezogen. Es ist noch nicht recht gemütlich um diese Uhrzeit an diesem Fleck. Windig, kalt, denn die Sonne hat um diese Zeit nur eine moralische und eine optische Ausstrahlung, die Thermische kommt erst später hinzu. Zelte abbrechen und schon sind wir abfahrbereit. Unser Ziel ist der Sunsetpeak, 4040m. Nicht viel höher als wir hier, ein Katzensprung, wäre nicht ein tiefes Tal dazwischen. Wir rutschen auf dem leicht geneigten Rücken, vorbei an einer baufälligen Meteostation, nach Süden bis dieser wellige, gutmütige Buckel in mehreren Rinnen gut 1000 m zum Fluss hinab abbricht. Der Schnee ist bockhart gefroren. Die Neigung entspricht etwa der, der Fernpassrinne, weshalb wir diese Rinne vorübergehend auch so taufen. Es ist ja auch nicht alltäglich vor dem Frühstück die Fernpassrinne hinabzurattern. Der Fluss ist zugelahnt, deshalb leicht zu passieren. Auf der anderen Talseite geht es erst steil aufwärts, gerade so mit Skiern gehbar. Dann neigt sich das Gelände und auch die Sonne traut sich nun soweit in den Taleinschnitt, dass auch wir etwas von ihrer Wärme abbekommen. Erst jetzt frühstücken wir Kekse, Chapati und Tee aus der Thermoskanne. Ein riesiger Hang baut sich vor uns auf. Vollkommen konturlos. Ohne einem Baum oder einer Spur, nur eine gewaltige weiße Fläche. Unser Aufstiegs-Zick-Zack wirkt wie ein Eingriff in eine unbekannte, vollkommene Welt. So ist auch unser Rhythmus: steigen, schnaufen, staunen, losgelöst von Zeit und Form. Bis das Blau des Himmels mehr und mehr des Bildausschnittes einnimmt und das Weiß des Hangs verdrängt. Dann geht’s nicht mehr weiter rauf und wir sind am runden Gipfel des Sunsetpeaks. Im gleißenden Sonnenlicht reihen sich am Horizont Gipfel an Gipfel. Nur wenige davon können wir bestimmen: der Kolahoi, Nun und Kun, die beiden Siebentausender schon zum Zanskar Gebirge gehörend und natürlich der alles überragende Nanga Parbat. Die Abfahrt ist eigentlich nicht in Worte zu fassen. Erst diese gewaltige Flanke nach Norden hinab. Pulverschnee der Sorte „Extraflaumig“. Schwung für Schwung…ganz gleichmäßig…in dem Takt den dieser Idealhang vorgibt…endlos. Dann über einen schmalen Grad hinüber und von dort eine Rinne hinein mit lichtem Baubestand. Die Hänge, anfangs noch ganz schön steil, werden dann immer flacher und der Schnee immer nasser. Nach 1500 Hm ist das Vergnügen vorbei. Ein Blick zurück und uns ist klar, dass diese Abfahrt nur schwer zu toppen ist. Mit diesem Grinsen im Gesicht machen uns auch die restlichen flachen Kilometer im tiefen Sulz und unter mittlerweile brütender Sonne nichts mehr aus.
Szenenwechsel: Liddervalley. Dieses Tal ist etwa 50 km östlich von Srinagar. Das letzte Städtchen, Pahalgam, ist wenn kein Schnee liegt, ein Vergnügungsort für die indischen Sommerfrischler. Die Straße geht noch weiter bis Aru. Bis dorthin müssen wir aber diese zweimal freischaufeln. Zu warm ist es jetzt schon tagsüber und Lawinen nehmen keine Rücksicht auf das Reiseziel europäischer Touristen. Als wir Aru erreichen ist es schon lange stockdunkel. Im Licht der Stirnlampen laden wir den Jeep ab, verstauen und verteilen Seesäcke, Zelte, Bündel mit Skiern und so weiter. Erst dann ruft uns unser Koch in die Küche und es gibt wieder einmal Chickencurry.
Das Liddervalley wurde Mitte der achtziger fürs Skitourengehen entdeckt. Im Rahmen einer Schweizerisch-Indischen Expedition wurde neben anderen Gipfeln auch der 5425 Meter hohe Kolahoi bestiegen. In den folgenden Kriegsjahren war das Liddervalley dann nicht passierbar. Ganz zögerlich kamen dann vor wenigen Jahren die ersten Trekker, die das Tal im Sommer besuchten. Wir sind jetzt angeblich die ersten seit ca. 30 Jahren die im Winter hier sind. Somit wartet am Ende des Tales der Mt. Kolahoi immer noch auf seine zweite Winterbesteigung.
Früh aufbrechen! So haben wir das geplant, aber wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Oder in diesem Fall ohne die Träger. Zehn Träger wiegen Ihre Lasten ab, tauschen hin und her. Rucksack rauf, kurz auf den Schultern probetragen, Rucksack wieder runter, und wieder neu packen. Kaum ist die Kolonne annähernd komplett zum Abmarsch, kommt aus einer Hütte verschlafen ein neuer Träger hinzu und die ganze Prozedur fängt von vorne an. Lautstark. Jeder redet. Einer will den andern überschreien. Ich stehe nur dabei und verstehe nichts von dem was die da von sich geben, aber es hört sich nach einem handfesten Streit an. Als wir uns endlich in Bewegung setzen ist es schon lange hell. Die Nacht war nicht allzu kalt, der Schnee war also ohnehin nicht tief gefroren und jetzt hat sich diese dünne, harte, tragfähige Kruste schon in weiches saftiges Mus verwandelt. Uns, mit den Skiern unter den Füßen, macht das nicht viel aus. Unser Rucksack dürfte zwar nicht leichter sein als der der Kashmiris, aber wir brechen nicht bei jedem zweiten Schritt bis zur Hüfte ein. Für die Träger ist das schon eine mächtige Plackerei. Aber jetzt wird gelacht und sogar gesungen. Das Packen und Diskutieren war für diese Hitzköpfe offenbar aufregender als das Tragen selbst.
Nach einem Aufschwung, gleich hinter Aru, führt das Tal dann flach nach Norden. Wir machen kaum Höhenmeter. Nach einem schluchtähnlichen Anfang, weitet sich das Tal und wir können uns in respektvollem Abstand der lawinenschwangeren Flanken bewegen. Welches Kaliber diese Nassschneerutsche hier haben sehen wir an schon abgegangenen Lawinenkegeln. Ansonsten schaut aus wie bei uns im Karwendel. Das Tal mit den knorrigen Bäumen erinnert mich stark an die heimische Eng.
Lidderwat ist eine kleine Almsiedlung auf 2811m Höhe und liegt an dem Schnittpunkt von drei Tälern. So eine Lidderwat-Almhütte hat ein Flachdach, das zur Talseite auf dicken Stämmen ruht. Die Wände (wenn vorhanden) sind lockere Blöcke. Innen regnet es tagsüber weil der Schnee schmilzt und durch das Erddach rinnt. Dementsprechend baazig ist der Lehmboden. Im Großen und Ganzen eine ungemütliche Behausung. Aber zum Glück gibt es ja in Lidderwat auch noch eine Touristenhütte. Diese hat aber auch schon bessere Tage gesehen. Unwichtige Ausstattungsgegenstände wie Türen und Teile des Fussbodens wurden schon verheizt. Als unsere Träger dann auch Feuer machen um ihren Reis zu kochen, wird der Qualm, trotz fehlender Fensterscheiben, so dicht und beißend, dass man das andere Ende des Raumes nicht mehr sehen kann. Den Kashmiris macht das wenig aus, denn die obligatorische Wasserpfeife macht ohne Unterbrechung die Runde. Dicht an Dicht, wie die Sardinen, liegen sie in der Bude, spielen Karten, trinken Tee, rauchen und lachen.
Nur wir verwöhnten Abendländler ziehen es vor, vor der Hütte die Zelte aufzustellen. Wir liegen ganz entspannt auf einer Zeltplane, werden vom Koch mit Tee mit Rum verwöhnt und blinzeln in die Sonne. Um diese hat sich mittlerweile ein deutlicher Halo gebildet. Bei uns sagt man „der Mond (die Sonne) hat einen Hof“, und das ist ein untrügliches Schlechtwetterzeichen.
Am nächsten Morgen ist der Himmel noch makellos blau. Das Tal zieht nun nach Osten, ist weiterhin ohne nennenswerten Höhengewinn und man kann es nicht anders beschreiben als „einfach schön“. Ab und zu kommt das Bachbett der Lidder unter der Schneedecke zum Vorschein. Birken und Zedern stehen mal dichter, meisst aber licht gestreut im Talgrund. Gegen Mittag erreichen wir die letzten Almen. Bis hierher wollen die Träger gehen. Hier haben sie die letzte Unterschlupfmöglichkeit. Vom Gletscher ist hier aber noch nichts zu sehen und das Tal ist immer noch flach wie eine Kegelbahn. Wir lassen uns von Safeen, unserem genialen Koch noch ein Lunch brutzeln. Während dessen packen wir die Rücksäcke um. Zelt, Schlafsäcke, Proviant, Seil, Steigeisen…alles muss jetzt in unsere Rückentüten. Nach einem weiteren, köstlichen Chickencurry brechen wir auf und sind von nun an auf uns allein gestellt. Der Himmel hat sich mittlerweile einen milchigen Schleier zugelegt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Schönwetterperiode sich dem Ende neigt. Wir laufen solange wir Tageslicht haben und schlagen gegen 18.00 Uhr an einen lawinensicheren Platz auf 3450m unsere Zelte auf. Das Talende und der Gletscher sind nun in unmittelbarer Nähe. Doch das Beste ist, das wir von hier aus den Mt. Kolahoi sehen können. Mit seinem schroffen, gebänderten Gipfelaufbau sieht er nun wirklich nicht aus wie ein Skiberg.
Schlafsack verstauen, Zeltabbauen, dazwischen eine Tasse Kaffee. Alles läuft recht zügig ab. Wir wollen jetzt auf diesen Berg und nicht nur Loipen spuren wie die letzten beiden Tage. Nach einer Stunde ist der Talkessel erreicht. Das Problem ist jetzt, auf das obere Gletscherplateu zu kommen. Es ist nicht einfach, eine gute Linie zwischen Gletscherbruch und Felsriegel zu finden. Anfangs steigen wir noch in steilen Kehren auf, dann müssen die Ski doch an den Rucksack und wir stapfen die Westflanke hinauf um oben zu travesieren und flacheres Gelände zu erreichen. Windig ist es geworden. Der Kolahoigipfel setzt sich zeitweise eine Wolkenhaube auf. Jetzt merken wir auch die Höhe. Immer öfter bleiben wir stehen. Trinkpause. Und wieder hängt einer von uns über den Skistecken. Der Wind spielt mit uns, jagt uns Eiskristalle ins Gesicht und versucht uns mit so mancher Böe umzuwerfen. Es wird flacher. Wir haben das Plateau erreicht. Jetzt heißt es einen Lagerplatz zu suchen. Der Höhenmesser zeigt 4666m an und wir sind neuneinhalb Stunden unterwegs. An einem Felsaufschwung an der Ostseite des Gletschers finden wir einen riesigen Schneekolk. Hier könnte wahrscheinlich eine ganze Kompanie zelten. Im Kolkboden ist es relativ windgeschützt. Ganz windstill ist es natürlich nicht, denn so ein Schneekolk wir ja vom Wind geformt. Aber es ist nicht ganz so böig wie oben auf dem flachen Gletscher. Dennoch bricht mir beim Aufbauen das Zeltgestänge. Was aber mit ein paar Fetzen Leucoplast gleich wieder repariert ist. Im Zelt wird es jetzt richtig kuschlig, denn zum Kochen und Schneeschmelzen sind wir alle fünf im Drei-Mann-Mountain-Dom. Wir liegen übereinander und untereinander (Berührungsängste sind hier fehl am Platz) und lassen uns aber weder den Appetit, noch die gute Laune vermiesen. Schließlich zaubert der Hunger aus einer Tüte gefriergetrockneter Nudeln ein Feinschmeckermenü. Und wir alle sind zuversichtlich, dass morgen das Wetter besser wird und wir im Sonnenschein dem Gipfel zustreben können.
Es gibt doch nichts Gemütlicheres als im warmen Schlafsack zu liegen, während draußen die Naturgewalten toben. Auch wenn feiner Schneestaub durch die Zeltritzen und Reißverschlüssen dringt und es deshalb auch innerhalb unserer Behausung schneit. Am frühen Morgen hat der Wind sogar etwas nachgelassen und als es hell wird können wir blaue Flecken am Himmel entdecken. Jetzt oder nie. Während einer schnellen Tasse Kaffee wird ein Zelt abgebaut (die Ski, die wir als Verankerung benutzten brauchen wir ja jetzt), das Andere bleibt stehen. Kurz darauf klicken wir schon in die Bindung und steigen, noch etwas zäh und ungelenk, aus unserer Grube. Wir queren den Gletscher und stehen eine Stunde später unter der Südflanke des Kolahoi. Im Süden sind wir in Aru auch gestartet. Das heißt um hierher zu gelangen, mussten wir wie in einer Spirale um den Berg laufen. Vor uns zieht die immer steiler werdende Rinne hinauf, die wohl zum Gipfel führt. Jetzt verliert sie sich aber wieder in Wolken. Auch bläst es wieder ordentlich. Am Skidepot haben wir Mühe alles festzuhalten. Handschuhe, Felle und sogar die Ski müssen gesichert werden sonst wären sie bei der nächsten Böe weg. An diesem Fleck trennen sich dann die alpinistischen Motivationen in unserer Gruppe. Während die einen ein inneres Feuer stets aufwärts treibt und ihre Leidenschaft sich nicht von meteorologischen Widrigkeiten trüben lässt, pfeift der andere Teil der Mannschaft (Frauschaft) auf den Gipfel und zieht stattdessen ein Nickerchen im gelobten Hochlager vor. (Es gibt doch nichts Gemütlicheres als im warmen Schlafsack….) Guter Stapfschnee in der Rinne lässt anfangs ein zügiges Aufsteigen zu. Je weiter die Gipfelmannschaft aber höher kommt, desto weicher wird der Schnee. Das Couloir wird immer enger und steiler (geschätzte 50-55 Grad). Die Spurarbeit ist aufreibend. Lässt ein Wolkenloch einen Blick nach oben zu, ist kein Ende in Sicht, nur immer wieder ein weiter Aufschwung. Laut Höhenmesser hätten noch 150 Höhenmeter zum Gipfel gefehlt, als auch die Leistungsgruppe umdreht und nach zwei Stunden sich bei der Genussgruppe im Hochlagerzelt einfindet.
Für eine großzügige Regeneration ist aber auch hier keine Zeit. Wir wollen das Gletscherplateau verlassen ehe das Wetter noch schlechter wird. Allein die Vorstellung die steilen Hänge unter uns bei vielleicht einem halben Meter Neuschnee zu fahren ist nicht lustig. Neuschnee haben wir dann keinen, aber es ist unten warm geworden und der Schnee ist faul und die die Lawinensituation nicht zu unterschätzen. Mit unseren üppigen Rucksäcken in diesen tiefen Baatz würden wir auch nicht die besten Haltungsnoten für unsere Skitechnik bekommen. Aber uns schaut hier keiner zu. Kaum haben wir das Liddervalley erreicht, wo wir uns in Sicherheit wiegen dürfen, fängt es an zu regnen. Windstiller Schnürlregen. Und es regnet den ganzen Nachmittag, und auch am nächsten Tag pisst es ohne Unterlass und als wir angenehm ermattet in Aru eintreffen haben wir trotz High-Tech-Membranklamotten keinen trockenen Faden mehr am Leib.
Doch alles Unangenehme ist in dem Augenblick vergessen, in dem man auf der Terrasse auf dem Hausboot in Srinangar sitzt, mit einer Flasche Kingfischer in der Hand, und auf den Lake Dal hinausblickt… ( in Erwartung des Rufes aus der Küche, zum Essen zu kommen. Es gibt sicher wieder Chicken-Curry.)